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Es ist ein schöner, lauer Abend gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Inspektor Lestrade ist einmal mehr Gast in der Bakerstreet 221b bei Sherlock Holmes und Dr. Watson. Man plaudert, trinkt gemütlich Tee und ist auch ansonsten guter Dinge. Aber bald merken Holmes und Dr. Watson, dass irgendetwas ihren Gast sehr beschäftigt. Nach einigem guten Zureden offenbart sich Inspektor Lestrade seinen Gastgebern: Er hat tatsächlich ein Problem mitgebracht. Dieses hält er jedoch eher für in den Fachbereich von Dr. Watson gehörend. Konkret geht es um folgendes: Seit einiger Zeit treibt offenbar ein Wahnsinniger in London sein Unwesen. Dieser Kerl ist ein Einbrecher und Bilderstürmer, welcher offenbar einen unglaublichen Hass gegen Napoleon I. von Frankreich hegt. Drei Büsten des Franzosenkaisers hat er bereits zertrümmert. Dabei ist er in drei Häuser eingebrochen. Der erste Fall ereignete sich in der Kennington-Road. Dort hat Mr. Morse Hudson ein Kunsthandel- und Antiquitätengeschäft. Eines Tages war er gerade hinten im Lager, als er aus dem Verkaufsraum ein Klirren hörte. Er lief sofort hinaus - und fand eine auf einem Verkaufstisch mit anderen Kunstwerken stehende Napoleon-Büste zerschlagen vor. Bald darauf wurde in die Wohnung und die Praxisräume eines gewissen Dr. Barnicot eingebrochen. Dieser laut Auskunft von Dr. Watson überaus tüchtige Kollege hat seine Wohnung und seine Hauptpraxis in der Kennington-Road. Daneben unterhält er noch eine Filialpraxis in der Lower-Brixton-Road. In beiden Häusern hat der Einbrecher nichts weiter getan, als zwei Napoleonbüsten zu zerstören. Die in der Filialpraxis stehende Büste hat er an Ort und Stelle zerschlagen, jene in der Hauptpraxis fand sich - ebenfalls in Stücken - auf dem Gelände eines nahegelegenen Hauses wieder. Dr. Watson erklärt Inspektor Lestrade, dass dieser Mann möglicherweise an einer so genannten IDEE FIX leidet. Vielleicht ist seiner Familie zur Zeit Napoleons großes Unrecht oder Leid geschehen. Oder er hat möglicherweise viel über diese doch unruhigen Zeiten gelesen. Das könnte seinen Hass auf den Kaiser erklären. Sherlock Holmes ist da jedoch anderer Meinung. Er findet es beispielsweise höchst merkwürdig, dass dieser wahnsinnige Bilderstürmer sein Zerstörungswerk ausgerechnet mit drei identen Napoleonbüsten beginnt. Denn die beiden Büsten von Dr. Barnicot sind ident mit jener aus Mrs. Hudsons Geschäft.

Es sind Kopien einer berühmten Napoleonbüste eines ebenso berühmten französischen Bildhauers. Den Namen dieses Künstlers weiß der Inspektor leider nicht. Kunstgeschichte gehört, wie Holmes hörbar bedauert, nicht zu den Neigungen des Beamten von Scotland Yard. Außerdem wundert es den Meisterdetektiv, dass ihr umtriebiger Napoleonhasser im Haus des als Napoleon-Verehrers bekannten Arztes Dr. Barnicot lediglich zwei billige Gipsbüsten zerstört hat. Dabei ist das Haus voll von Statuen, Büchern, Bildern und anderer Andenken an den Kaiser. Dr. Watson erklärt hierzu, es gäbe verschiedene Ausprägungen der Idee Fix. Möglicherweise begnügt sich dieser Bilderstürmer damit, einfache Gipsbüsten zu zerstören. Bilder, Bücher oder andere Andenken sind ihm dagegen gleichgültig. Und was die Merkwürdigkeit angeht, dass er ausgerechnet mit drei vollkommen identischen Büsten begonnen hat, so können dies eben zufällig die ersten gewesen sein, welche er in die Hand bekam. Das überzeugt zwar den Inspektor, aber nicht Sherlock Holmes. Dieser ist ja bekanntlich der Meinung, es gäbe keine Zufälle. Zumindest glaubt er selbst nicht daran. Aber man muss den Fall trotzdem im Auge behalten, wie er fachmännisch urteilt. Und so bittet er Lestrade, ihn bei neuen interessanten Entwicklungen in dieser Angelegenheit unbedingt zu verständigen. Das geschieht schneller, als es sich die beiden Herren aus der Bakerstreet gedacht haben: Am nächsten Morgen wird Dr. Watson etwas unsanft von Holmes geweckt. Dieser reicht dem Arzt ein Telegramm des Inspektors. Dieser bittet die beiden Herren umgehend nach Kensington, konkret in die Pitt Street 131. Es ist das Haus von Mr. Horace Harker, einem Journalisten. In dieses Haus ist eingebrochen worden. Eine Gipsbüste von Napoleon I. liegt zerschlagen zwei Grundstücke weiter an einer Gartenmauer neben einer Straßenlaterne. Weitaus schauerlicher ist jedoch der Anblick, welcher sich vor Mr. Harkers Türe bietet. Dort liegt ein Toter. Der Mann zeigt südländisches Aussehen und ist ärmlich gekleidet. Er scheint jedoch nicht dem Arbeiterstand anzugehören. In seinen Taschen ist nicht viel zu finden. Ein wenig Krimskrams, ein Apfel und eine Fotografie. Auch diese zeigt einen Mann südländischen Typs, offenbar demselben sozialen Stand wie der Tote angehörend. Dieser wurde im Übrigen erstochen. Man fand in seiner Brust ein Taschenmesser.

Es wird wenig später als dem Toten selbst gehörend identifiziert. Aber Holmes muss den Inspektor enttäuschen: Dieser Mann ist nicht, wie Lestrade bereits glaubte, der gesuchte Bilderstürmer und Einbrecher. Dessen Gewohnheit ist es nämlich, die Büsten aus den Häusern und zur nächstgelegenen Lichtquelle zu bringen, um sie dort zu zertrümmern. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der Napoleonhasser zuerst sein Zerstörungswerk vollbringt, sodann zum Haus zurückkehrt, und sich dort ermorden lässt. Oh, nein! Der Napoleonhasser ist noch am Leben und aktiv. So fahren Holmes und Watson zunächst in die Kennington-Road zu Mr. Hudsons Geschäft. Dieser ist ob der Zertrümmerung seiner Büste natürlich in höchstem Maße erregt. Wie kann man nur so grausam sein, so etwas schönes wie ein Kunstwerk einfach in Trümmer zu schlagen? Diese Napoleonbüsten sind samt und sonders Kopien der berühmten Büste des Bildhauers Devine. Mr. Hudson kann jedoch den Mann auf der Fotografie identifizieren. Dieser Mann ist Italiener und heißt Beppo. Den Familiennamen hat er nie genannt. Beppo ist ein italienischer Gelegenheitsarbeiter, welcher eine Woche lang im Geschäft von Mr. Hudson tätig war. Der Mann geht geradezu zärtlich mit Kunstwerken um. Allerdings lassen Disziplin und Pflichtbewusstsein in seinem Falle mehr als zu wünschen übrig. Außerdem erfahren der Meisterdetektiv und sein Kollege noch, dass der Kunsthändler eine Trance von insgesamt drei Napoleon-Büsten besessen hat. Das waren die beiden bei Dr. Barnicot zerstörten, sowie jene, welche hier im Geschäft zu Bruch ging. Der Händler erklärt Holmes auf dessen Anfrage, dass er die Büsten bei Gelder & Company, einer angesehenen Bildhauerfirma, bestellt hat. Diese Firma suchen die beiden Herren als nächstes auf. Sie erfahren dort von dem sichtlich erregten Besitzer, dass auch dieser den Mann auf dem Foto kennt. Beppo hat auch bei Gelder & Company gearbeitet, dort jedoch ebenfalls keine guten Erinnerungen hinterlassen. Er hat nämlich im Zuge eines Streits mit einem Landsmann nahe der Firma diesen jungen Mann mit dem Messer niedergestochen. Sodann ist er, die Polizei bereits auf den Fersen habend, in die Werkstatt gelaufen. Dort konnte man ihn überwältigen. Natürlich wurde er umgehend entlassen, wobei er seinen letzten Lohn ausbezahlt bekam.

Die Firma Gelder & Company war immer ein hochanständiges, seriöses Unternehmen. Dieser unangenehme Kerl war der einzige Grund für das Einschreiten der Polizei in all den Jahren. Des Weiteren wird bekannt, dass die drei Büsten von Hudson zu einer Trance von insgesamt sechs gehörten. Die übrigen drei Napoleons sind an die Firma Harding Brothers in Reading gegangen. Holmes und Watson suchen die Firma auf. Dort kennt man zwar Beppo nicht. Aber die Herren erfahren die Adressen und Namen der Käufer der besagten Büsten. Im Übrigen werden sie auf ihrer Fahrt zurück in die Bakerstreet 221b Zeugen der eifrigen Arbeit von Mr. Horace Harker. Dieser hat nämlich, von Holmes dazu ermutigt, einen Artikel über den wahnsinnigen Napoleonhasser und Mörder geschrieben, welcher umgehend in Druck gegangen ist. Inspektor Lestrade, welcher ebenfalls in die Bakerstreet bestellt wurde, ist darüber etwas verärgert. Aber ein Sherlock Holmes weiß stets, warum er etwas tut oder verlangt. Denn die Presse, so erklärt er, ist eine hervorragende und überaus nützliche Institution. Man muss sich ihrer nur korrekt zu bedienen wissen. Er lädt die beiden Herren auch ein, sich einige Stunden Schlaf zu gönnen. Denn in der kommenden Nacht sollten sie ausgeruht sein, um den Mörder zu fangen. Der Inspektor hat im Übrigen den Toten inzwischen identifiziert. Er ist Italiener und heißt Pietro Venucci. Dieser Mann, so hat ein verdeckt im Italienerviertel ermittelnder Beamter herausgefunden, ist Mitglied der Mafia. Offenbar war er ungehorsam und ist dafür - wie bei der Mafia üblich - mit dem Tode bestraft worden. Der Mörder muss also im Italienerviertel zu finden sein. Holmes ist davon nicht überzeugt. Er glaubt vielmehr, dass sie ihren Mann heute noch in der Laburnum Lodge in Laburnum Vale stellen können. Wenn das nicht gelänge, so wäre er gerne bereit, den Inspektor morgen ins Italienerviertel zu begleiten. Lestrade ist damit einverstanden. Dr. Watson und er legen sich schlafen, während Holmes noch eine Besorgung zu machen hat. Schließlich ist es 23:00 Uhr. Der Meisterdetektiv weckt seine Freunde und weist Watson an, seinen Revolver mitzunehmen. So fahren die drei Herren nach Laburnum Vale, wo die von Scotland Yard auf Ersuchen von Holmes dorthin abkommandierten Polizisten bereits in Position sind. Wenige Augenblicke später können die drei Herren von ihrem Versteck aus beobachten, wie ein Mann auf das Grundstück kommt.

Er schlägt ein Fenster der Lodge ein, durch welches er ins Gebäude klettert. Wenig später kommt er durch die Hintertüre wieder heraus. Er hält eine Napoleonbüste in den Händen. Diese wirft er im Schein einer Laterne auf den Boden, wo sie sofort zersplittert. Das ist der Moment, auf welchen die Herren gewartet haben. Holmes gibt Lestrade und Watson ein Zeichen, worauf sie die Beamten alarmieren. So kommt es, dass der Italiener Beppo alsbald überwältigt und festgenommen werden kann. Den Bewohnern der Lodge drohte übrigens zu keiner Zeit Gefahr. Denn der Detektiv hat sie, während seine Gefährten in der Bakerstreet schliefen, aufgesucht. Dabei hat er ihnen die Sachlage erklärt und sie gebeten, sich für die Nacht ein anderes Unterkommen zu suchen. Das haben sie auch getan. Auch waren alle Türen im Haus, bis auf eben jene Hintertüre, abgeschlossen. Auch das wurde auf Ersuchen des Meisterdetektivs veranlasst. Nun also hat die Polizei ihren vermeintlichen Napoleonhasser, welcher jedoch ein waschechter Mörder ist. Das wird ihn an den Galgen bringen. Jetzt fehlt nur noch das Motiv für seine Taten. Aber auch diese Erklärung kann Holmes alsbald liefern. Er weiß bekanntlich, wer die letzte der sechs in diesem Fall tonangebenden Napoleonbüsten besitzt. Diesem Gentleman kauft er die Büste im Beisen von Dr. Watson und Inspektor Lestrade für 10 Pfund Sterling ab. Der Mann ist von der Großzügigkeit des Detektivs zutiefst bewegt. Er erklärt nämlich, seine Gattin habe nur 12 Shilling dafür bezahlt. Aber Holmes hat 10 Pfund geboten und dazu steht er. Er bittet den Verkäufer lediglich, ein kleines Schriftstück zu unterschreiben. Dieses besagt, dass sämtliche Rechte an der Büste auf den Meisterdetektiv übergehen. Natürlich kommt der Mann diesem Wunsch gerne nach. Sodann verlässt er glücklich die Bakerstreet. Kaum ist er gegangen, breitet Holmes ein Tischtuch über der Kommode aus. Sodann legt er ein kleines Kissen darauf, worauf er wiederum die Büste abstellt. Als nächstes versetzt er dieser einen kräftigen Schlag mit seinem Stock, sodass sie augenblicklich zersplittert. Im nächsten Moment beugt er sich suchend über den Trümmerhaufen. Gleich darauf zieht er eine glänzende schwarze Kugel aus dem Schutt. Er hält sie hoch, um sie seinen beiden Freunden zu zeigen. Dabei erklärt er, dies sei eines der wertvollsten Objekte der Welt. Es ist die berühmte schwarze Perle der Borgia.

Dr. Watson ist verblüfft, der Inspektor erstaunt. Aber er erinnert sich sofort wieder: Die Perle der Borgia wurde vor einem Jahr aus dem Dacre-Hotel gestohlen. Sie gehört einer reichen italienischen Aristokratin. Diese wurde damals von ihrer Zofe Lucrezia Venucci nach London begleitet. Diese Dame wiederum ist die Schwester des ermordeten Pietro Venucci. Und sie war die Geliebte von Beppo, dem Gelegenheitsarbeiter. Die Venucci-Familie nimmt eine hochrangige Stellung in der "Ehrenwerten Gesellschaft", also der sizillianischen Mafia, ein. Dort wurde der Raub der Perle beschlossen. Beppo jedoch beschloss, seinen Auftraggeber, und damit seinen künftigen Schwiegervater, zu hintergehen. Er wollte die Perle für sich allein behalten. Deshalb sollte er nach Art der Mafia mit dem Tode bestraft werden. Aus diesem Grund hatte Pietro Venucci, welcher auch die Entehrung seiner Schwester rächen sollte, jenen Teil eines Fotos bei sich, auf welchem ursprünglich Beppo und Lucrezia gemeinsam abgebildet waren. Es ist Beppos Bild, welches die Polizei bei dem Toten fand. Damit sollte der Verräter identifiziert und seiner Strafe zugeführt werden. Aber die Sache ging schief. Statt Beppo starb Pietro Venucci. Dieser war übrigens jener Mann, welchen Beppo schon einmal niederstach. Weil er damals überlebte, betrug die Strafe für seinen Angreifer nur ein Jahr. Aber in diesem Zusammenhang erklärt sich auch, wie die Perle in die Napoleonbüste kam. Beppo lief ja damals in die Werkstatt von Gelder & Company. Er hatte nur wenige Augenblicke Zeit, um die Perle zu verstecken. Da sah er die sechs noch weichen Napoleonbüsten im Trockenraum. Er ergriff eine, drückte die Perle in den weichen Gips, und machte das Loch sodann geschickt unkenntlich. Nach dem Ende seiner Haft nahm er eine Stelle bei Mr. Morse Hudson an, um nach dem Verbleib der Büsten zu forschen. Das haben, wie Dr. Watson und der Inspektor wissen, auch Holmes und sie selbst getan. Und die sechste Napoleonbüste aus dieser Reihe hat der Meisterdetektiv im Beisein seiner Freunde eben von ihrem Besitzer gekauft. Holmes hat nämlich unter Einsatz seiner deduktiven Fähigkeiten herausgefunden, dass diese Büste eben jene mit der Perle sein muss, da ja die übrigen fünf aus dieser Reihe bereits erfolglos zerstört wurden. Der Inspektor ist einmal mehr zutiefst von den Fähigkeiten seines Freundes beeindruckt.

Er verabschiedet sich nun jedoch, da er die Perle umgehend ihrer rechtmäßigen Besitzerin zurückzugeben wünscht. Und damit ist der Fall der sechs Napoleons erfolgreich abgeschlossen.

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